PORN *Partner-Interview*


PORNDieses Interview wurde zum Erscheinen des Best-Albums A Decade in Glitter and Danger im Jahr 2010 mit Philippe D von PORN geführt. Unsere Review zu diesem Album findet Ihr HIER. Geführt hat das Interview unser Partner Promofabrik, wir veröffentlichen das gesamte Interview.

Hallo Philippe, es ist sehr nett von dir, dass du uns heute Rede und Antwort stehen wirst. Nun wollen wir doch auch gleich mal loslegen:
Wie hat alles im Jahre 1999 begonnen?

Philippe D: Es fing alles 1999 an, als ich noch Psychologie und Soziologie in Grenoble studierte. Ich hatte schon früher bei ein paar Bands gesungen, aber keine hatte mich bis dahin in musikalischer Hinsicht wirklich überzeugt. Ich hatte noch eine Menge zu sagen und viele Gefühle, die ich rauslassen wollte. Wir waren gerade aus dem Teenager-Alter heraus und von dem Strom der Emotionen quasi überwältigt. Ich habe viel „The Cure“ gehört, sowie Bauhaus und Nine Inch Nails.
Dann habe ich mir selbst eine Gitarre gekauft, um selbst Songs zu schreiben. Wir haben unseren ersten Gig Ende 1999 in Marseille gespielt. Unser erstes Demo kam dann im Folgejahr mit Songs wie „Soft Machine – Porn Machine“, „Recycle“ und „Still“. Unser Sound war ziemlich stark von NIN beeinflusst, aber auch von diesem ganzen Noise-Industrial-Trend (SPK, Esplendor Geometrico). Aber wir wollten auch den „The Cure-Pop-Einschlag“ behalten. Francis ZEGUT, der Bands wie Venom oder Metallica in Frankreich entdeckt bzw. unterstützt hatte, wurde auf PORN aufmerksam und spielte „Soft Machine – Porn Machine“ das erste Mal im Jahr 2000 auf RTL2. Damit kam die Maschine ins Rollen.

Gibt es Schritte, die ihr rückblickend auf diese Zeit lieber nicht getan hättet?

Philippe D: Absolut keine!

Was hat sich deiner Meinung nach in der Szene von 1999 bis heute geändert?

Philippe D: Meiner Meinung nach hat es keine positive Entwicklung gegeben, zumindest in Hinblick auf Weiterentwicklung oder Festigung der Basis. Die so genannte „Dark-Szene“ hat sich erheblich bergab bewegt. Einige Bands sind verschwunden, einige andere haben sich einem mehr cluborientierten Electro-Stil zugewendet oder einem Glamourrock-Stil. Ich bedaure das, aber das ist nicht anders als in der gesamten Gesellschaft. Alles muss schnell gehen, nichts wird wirklich sorgfältig gemacht, einfach alles angefangen, ohne sich tiefgreifend damit zu beschäftigen … einfach nur Teil der Bewegung sein, der Masse, cool sein … und nur von amerikanischen Stränden träumen und aufgetakelten Blondinen. Ich bin froh, dass es Zeromancer noch gibt. Sie sind ehrlich, was ihre künstlerischen Erfolge übertrifft.

Wie empfindest du, persönlich auf PORN bezogen, den Fortschritt des Internets?

Philippe D: Es gibt immer mehr Tools im Internet für sich entwickelnde Bands. Wenn man es so sieht, ist das nur eine Illusion. Das Internet entwickelt sich nicht, sondern die Menschen. Es ist der Glauben, den sie darin gesetzt haben, der gewachsen ist. Internet ist genauso wie der Kapitalismus, eine gewaltige Traummaschinerie. Wir glauben nur, dass wir unseren eigenen Weg gehen, mit oder ohne Internet.

Das Internet öffnet ja auch die Pforten zur Piraterie. Fühlt ihr euch eurer Kunst beraubt oder denkt ihr eher positiv darüber, eben dass die Musik auch Ecken erreicht, wo der Vertrieb beispielsweise nicht hinreicht?

Philippe D: Wir fühlen uns nicht betrogen, ganz und gar nicht. Zunächst einmal gibt es viele Kids, die sich keine Platten leisten können. Glaub mir, als ich Kind war, konnte ich mir nicht mal eine Briefmarke leisten. Die einzige Möglichkeit für mich an eine Schallplatte zu kommen war, sie entweder in einer Bücherei auszuleihen oder aus einem Laden zu stehlen. Die Leute, die uns wirklich betrügen und bestehlen sind die Internetanbieter oder die Typen, die die Downloadwebseiten anbieten. Sie handeln mit Millionen von Euro, die keinem zugute kommen. Internetuser können dafür nicht doppelt zur Kasse gebeten werden. Wir sollten die Firmen besteuern, die riesige Profite mit den Künstlern und Usern machen. Wir sind mittlerweile bei einem ganz neuen ökonomischen Model angelangt: Alles ist kostenlos, das ist die Norm.
Aber ich habe das Gefühl, dass diejenigen, die diese Norm gesetzt haben, und die Gewinnler, die eigentlich ihren Anteil abtreten müssten – diese gewinnen am Ende.
Nimm Dir mal MySpace her: Auf jeder MySpace-Seite gibt es Anzeigen. Das Geld, das damit gemacht wird, sollte auch dem Künstler / der Band zufließen, denen die Seite gehört, weil der Internetuser die Seite nur aufruft, um die Songs der Künstler oder der Bands anzuhören. Kein Künstler – kein MySpace. Andersherum gesehen kann man MySpace nicht mehr umgehen, genau wie den Kapitalismus.
Am Ende kann man alles auf Marx und Proudhon zurückführen: Die Privatisierung der Produktionsmittel führt zur Ausbeutung derer, die den Wohlstand erschaffen. Auf eine Art hat MySpace die Produktionsmittel von uns gestohlen, unsere Möglichkeiten sich als Band unabhängig zu entwickeln. Es wird immer wieder jemanden geben, der behauptet, dass man MySpace nicht braucht, was wahr ist. Falls man die Welt als einen geographischen Raum sieht, ist MySpace nur eine Großstadt. Ich kann mich dazu entscheiden, dorthin zu ziehen oder auf dem Land zu leben. Aber auf dem Land werde ich nicht viele Leute treffen.

Kommen wir einmal auf euren Bandnamen zu sprechen: PORN, das ist ein weitläufiger Begriff und öffnet sofort das Hinterstübchen im Kopf. Was hat das Thema „Porno“ mit eurer Musik zu tun?

Philippe D: Es gibt da keine direkte Verbindung. Am Anfang hatten wir ganz offen den Willen zu verstören. Es ist ein kraftvolles Wort, es ist auch eine Hommage an The Cure’s „Pornography“. Es ist auch eine Art sorgfältig, tief und 100%ig zu Denken … nichts verbergen, nackt sein. Unsere Musik ist auch fast wie menschliche Sexualität: Manchmal weich verschmust, manchmal rau und zerstörerisch.

In eurem Shop bietet ihr ja sogar Kondome und Präservative an. Sehr genial! Wie kam es zu der Idee? Ist eure Musik so befruchtend, dass man beim Lauschen verhüten muss?

Philippe D: Für den Release des Albums wollten wir eine kleine limitierte Serie machen, um unsere Fans zu erfreuen. Wir haben uns gefragt, was wir wohl in dieses limitierte Package reinpacken könnten. Ich bin auf Kondome gekommen, weil ich eine Seite gefunden habe, die Kondome für Bars und Nachtclubs anbietet. Ich hab darüber gebrütet und es war eigentlich voll passend. Ich wollte Niemanden verstören. Ich denke nicht, dass Kondome anzubieten ein Akt der Subversion ist. In jeder Highschool gibt’s die kostenlos.

Nun erscheint mit „A Decade In Glitter And Danger“ euer neuestes Werk. Gehe ich richtig in der Annahme, dass dieser Titel auf eure bisherige Laufbahn zu beziehen ist?

Philippe D: Von Anfang an ging es bei PORN darum, attraktive aber gefährliche Musik zu spielen. Das Glänzende mit der Subversion zu verbinden. Ein Universum zu erschaffen, das düster und gefährlich ist, aber auch anziehend und verlockend. Wenn ich zurückblicke, so sind die beiden Worte (Glitter und Danger) ziemlich die Essenz der ersten zehn Jahre von PORN. Es gab Momente größter Freude, großartige Auftritte. Die Geschichte einer Bande von Jungs, die aus dem Nirgendwo auftauchten, auf Tour gingen und in ganz Europa gespielt haben. Eine Platte, die sie zu Hause aufgenommen haben und die auf mehreren Kontinenten veröffentlicht wurde. Dann gab es die dunkle Seite: Die Selbstzerstörung, Intensivstation, Ausnüchterungszellen, Prozesse. Chaos.

Auf dem neuen Longplayer ist eine Essenz bereits bekannter Stücke vertreten. Sind diese noch einmal neu gemixt worden? Habt ihr etwas verändert?

Philippe D: Wir haben absolut nichts verändert.

Welche Kriterien habt ihr genutzt, um genau diese 14 Titel auf das neue Album zu packen?

Philippe D: Das Kriterium der Kohärenz. Wir wollten einfach, dass das Album die letzten zehn Jahre reflektiert.

Gibt es auch ganz neue Stücke auf dem Album? Gehe ich richtig in der Annahme, dass Titel 1 „All That Glitters …“ und Titel 14 „… Is No Gold“ neu sind oder liege ich da falsch?

Philippe D: Ja, falsch.

Gehen wir doch einmal genauer auf diese beiden Tracks ein. Hat sich etwas geändert an der Herangehensweise, sei es beim Komponieren oder beim Schreiben der Texte?

Philippe D: Nein, denn die Stücke sind Teil unserer Diskographie. Sie haben eine Art „Ambient-Feeling“. „…is no gold“ geht sogar eher in Richtung Noisy-Industrial, wie man es so von Ant-Zen kennt.

Was war das Gefährlichste, das du jemals gemacht hast?

Philippe D: Ich habe mit einem Polizisten gekämpft, als ich mit Handschellen gefesselt war.

Wenn du ohne Fallschirm aus einem Flugzeug springen müsstest, was wären deine letzten Gedanken in der Minute, bis du am Boden aufschlägst?

Philippe D: Wenn es heute passieren würde, würde ich an Darwins Zitat denken: „So viel Schönheit mit so wenig Nutzen.“

Die Titel klingen durchweg spannend, sexy und interessant zugleich. Welche Themen greift ihr auf in eurer Musik?

Philippe D: Schon damals hat mich das Konzept der Realität sehr beschäftigt. Ich habe viel über die Bedeutsamkeit einer Realität mit freiem Willen nachgedacht. Ich habe Philip K Dick und Burroughs gelesen. Man kann davon sehr viel in „Soft Machine Porn Machine“ wiederfinden. Ich habe damit gegen die Weltordnung rebelliert. Ich konnte das Gewicht der Jungianischen Archetypen spüren. Ich versuchte mich, der Maschinerie zu widersetzen, kein Teil von ihr zu sein. Es gibt viele dieser Motive in „Don’t be a Lady“, „Recycle“ oder „Borderline“. Es gibt auch leichtere Songs wie „Baby Smack“ und „Toyboy“. Diese Songs sind eher auf meine Erfahrungen bezogen – manchmal sexuell, manchmal emotional.

Lass uns einmal ein wenig über die Remixe plaudern. Wie kam der Kontakt zu den Bands zustande?

Philippe D: Die französischen Jungs von Dexy Corp_ haben „The Fee“ remixed. Ich bin glücklich mit dem Resultat. Sie haben eine sehr laute und metallische Version gemacht. Wir haben mit ihnen vor Kurzem getourt. Das sind wirklich großartige Typen. Die australischen Bands Craig Sue und Manek Deboto haben eine sehr rhythmische und kraftvolle Version des Songs gemacht. „Soft Machine Porn Machine“ wurde von LS201 bearbeitet. Die Band existiert wahrscheinlich schon gar nicht mehr.

Gibt es noch mehr Remixe, die nicht veröffentlicht worden sind?

Philippe D: Nein.

Wird es irgendwann auch einmal ein ganz neues Album mit ausschließlich neuen Tracks geben oder kann man diesen Album als „Abschied“ betrachten?

Philippe D: Das Album, an dem ich gerade arbeite, ist düsterer als alles, was wir jemals gemacht haben. Es ist einfach hoffnungslos. Nur der Wille des Tuns. Ich bin heute eine viel friedlichere Person. Aber was anderen Stille und Ruhe bringt, macht mich oft rasend und extrem, die Absurdität der Welt umarmend. Die Flamme erlosch irgendwann, und daraus erwuchs etwas anderes. Ich habe kürzlich TS Elliot entdeckt. Das Lesen von „The Hollow Men“ war ein großer Einfluss beim Schreiben des Albums. PORN’s erstes Konzept machte auf einmal wieder sehr viel mehr Sinn. Entweder geht man einen Weg ganz oder tritt einfach beiseite. Celine hat einmal gesagt, wenn man einen guten Roman schreiben will, muss man seine Eingeweide auf den Tisch legen, einfach alles geben. Ich habe mich dazu entschieden, mein Leben so zu leben, dass ich den Weg zu Ende und allen Dingen auf den Grund gehe, bis zum bitteren Ende. Ich habe vieles aufgegeben, habe wichtige Dinge des Lebens in der Gemeinschaft geopfert. Ich denke, das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn man die Realität berühren will.

Wie schaut es in eurer Zukunft aus?

Philippe D: Ich bin nicht sicher, wie die Zukunft für PORN aussehen wird. Derzeit konzentrieren wir uns auf das neue Album. Wir sind aber immer offen für Angebote. Wir sollen wieder in Frankreich touren, wahrscheinlich im Herbst. Ich würde auch gern wieder in Deutschland und Osteuropa touren. Wir werden sehen.

Vielen Dank für das Beantworten unserer Fragen und viel Erfolg mit „A Decade in Glitter and Danger“.

Philippe D: Vielen Dank…

www.porntheband.com
www.myspace.com/pornband

by PromoFabrik (www.promofabrik.de) – März 2010


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