DIGITAL FACTOR Interview


Digital FactorAm 19ten März hatte ich die Gelegenheit, Mike, Guido und Leo von DIGITAL FACTOR nach ihrem Konzert in der „Villa“ in Leipzig zu sprechen. Womit auch schon die erste, vielleicht etwas überraschende Aussage aus dem Interview genannt ist – Mike, Guido und Leo… und nicht mehr Torsten. Warum es diese Umstellung innerhalb von DIGITAL FACTOR gab, ob und wann man ein neues Album erwarten kann, ob alte DIGITAL FACTOR Scheiben vielleicht doch nochmal wieder aufgelegt werden sowie Aussagen zu ALPHAVILLE, TAKE THAT und LADY GAGA und noch viel, viel mehr könnt ihr hier nachlesen. Und ja, es ist wieder ein längeres Interview. Für ein kurzes Frage-Antwort-Intermezzo war aber die Stimmung auch einfach zu gut, dafür möchte ich mich auch hier nochmal ganz besonders bei Mike, Guido und Leo bedanken! Jetzt aber direkt rein ins informative Gespräch… Begrüßung und Small-Talk habe ich mal gleich weggelassen. (Dass man sich z.B. am Anfang begrüßt ist ja eigentlich eh klar.)

 

neurostyle:  Neues Album, ihr seid dabei?

Mike:  Jo.

neurostyle:  Für wann ist es geplant?

Mike:  Oh, das ist immer eine Gewissensfrage.

neurostyle:  Geplant, dann dauert es immer ein halbes Jahr länger.

Mike:  Dann können wir, glaube ich, beruhigt sagen: bis Mitte des Jahres. Zu 80 Prozent steht es. Wir schreiben noch an ein paar Songs und sind schon in den finalen Produktionen drin. Wir sind auf einem guten Weg.

Guido: Einen der neuen Songs haben wir ja heute gespielt.

neurostyle:  Genau, war ja nicht schlecht.

Mike:  Ja? Danke!

neurostyle: Euch gibt es ja ewig. Aber momentan anscheinend wieder ein bisschen umgestellt?

Mike:  (lacht) Ja, die zweite Änderung sozusagen. Wir haben gestern festgestellt, dass Guido schon wieder seit 11 Jahren dabei ist.

Guido:  Das ist verrückt. Die Zeit vergeht…

Mike:  (lachend) Wir haben daher auch beschlossen, dass wir ihn jetzt nicht mehr als neues Bandmitglied vorstellen.

Guido: (lachend) Dankeschön.

Mike: Torsten ist Mitte letzten Jahres ausgestiegen. Seitdem ist Leo das neue Bandmitglied. Es war ein zeitliches Probleme für Torsten, alles mit seinem Job zu verbinden. Und wir hatten auch noch immer die räumliche Distanz. Er lebt in Dresden, Guido und ich in Altenburg. Er hat sich aber sehr gefreut, dass Leo quasi den nahtlosen Übergang ermöglicht hat. Da wir mit Leo vorher schon zusammengearbeitet haben, passte das natürlich einfach richtig gut.

neurostyle:  Beim letzten Album.

Mike:  Genau.

Guido: Da hat sich das quasi schon angeboten.

neurostyle:  Auch gleich bei einem neuen Label?

Mike:  Wir wollen das Album erst einmal final fertig haben. Es gibt gerade Gespräche, aber dazu kann man jetzt wirklich noch nichts Konkretes sagen. Natürlich wollen die Leute, mit denen wir zusammenarbeiten würden, das neue Album erst hören. Wir sind selber auch schon ganz gespannt, in welcher Konstellation es dann erscheint. Aber ich denke mal, es gibt ganz gute Gespräche.

neurostyle:  Also besteht auch die Chance, dass ihr mal bei einem größeren Label veröffentlicht? Dass ihr dann auch mal entsprechende Promotion bekommt.

Mike:  Die bekommen wir auch so. Jetzt können wir es ja sagen, warum Leo bei uns ist… (allgemeines Gelächter)

Leo:  (lachend) Die Promo-Tusse…

Mike:  Nein, die Größe des Labels ist nicht wirklich so entscheidend. Wir hatten unser vorletztes Album im Vertrieb von Edel. Der ist eigentlich groß, das sind viele Leute, aber das ist für das Thema nicht unbedingt gut. Wir haben das schon bei der „Look Back To Go Forward“  mit Rough Trade und Lukotyk gemerkt, dass man in dieser kleineren Konstellation viel mehr machen kann. Man kann viel mehr Ideen verwirklichen. Also insofern sind wir gar nicht so wild darauf, ein großes Label  zwingend zu haben. Groß ist ja bei Labels sowieso relativ.  Entscheidend ist für uns, es müssen interessante Kooperationen sein. Es soll uns Spaß machen und auch den Leuten auf der anderen Seite. Und das ist eben oftmals bei großen Labels, wie wir es bei Edel erlebt haben, nicht zwingend der Fall.

Guido: Denen war das mehr oder weniger egal.

neurostyle:  Die haben auch nicht unbedingt so die Richtung.

Mike:  Nein. Bei denen wird ganz klar nur über Verkaufszahlen gegangen. Ich glaube, C.C. CATCH war auf einer Seite des Katalogs und auf der nächsten war DIGITAL FACTOR. Das macht dann nicht wirklich Sinn. Und da ist dann ein kleines effizientes Label mit einem guten Vertrieb dahinter oftmals viel besser für eine Band.

neurostyle:  Grundsätzlich?

Mike:  Ja.

neurostyle:  Wobei, wenn du jetzt ein großes Label hast mit einem schönen Solo-Vertrag, 5 Alben, 20 Millionen, künstlerische Freiheit, dann würdest du auch nicht „Nein“ sagen, oder?

Mike:  Also, die 5 Alben würden wir machen. (lacht) Die 20 Millionen, da müssten wir dann schon noch einmal nachverhandeln. Ich weiß nicht, ob wir damit hinkämen.  (lacht)

neurostyle:  Jetzt zu dritt weiter?

Mike:  Ja. Das ist ganz klar. Das hat sich auch bei der Produktion herausgestellt. Leo ist kein Live-Ersatz. Leo ist vollwertiges Bandmitglied und hat sich schon in die neue Produktion mit eingebracht. Ich denke, man hört auch, dass da andere Einflüsse sind. DIGITAL FACTOR war immer eine Dreier-Konstellation, und das ist die Band auch weiterhin.

neurostyle:  Nur halt jetzt mit Leo, nicht mehr in Originalbesetzung.Digital Factor - Leo, Mike & Guido

Mike:  Was den Vorteil hat, dass ich jetzt nicht mehr der Kleinste bin. (allgemeines Gelächter)

Leo: He!

Mike:   Kannst ja Plateauschuhe anziehen.

neurostyle:  So ein bisschen auf 70er Jahre machen.

Leo:  Ja, aber dann bin ich genauso groß wie Guido. Das geht nicht. Ich hab nicht die Erfahrung dafür.

Mike:  Guido hat in seinem Vertrag drin stehen, dass er der größte in der Band sein muss. (lacht)

Guido:  Ich müsste auch orthopädische Schuhe anziehen, 7 cm größer. Das sieht kein Mensch.

Mike:  Eigentlich hat er Klumpfüße.

Leo:  Die sind aber gut getarnt.

Guido:   Hat auch viel Geld gekostet.

neurostyle:  Das glaub ich dir. – Ihr habt ja heute auch ein paar ältere Sachen gespielt. Wo seht ihr den Unterschied von den älteren zu den neueren Sachen?

Mike:  Es gibt einen ganz großen Produktionsunterschied. Früher sind sehr viele Songs in Einzelproduktionen in unterschiedlichen Studios entstanden. Die neuen Songs sind komplette gemeinsame Produktionen. Das ist ein ungeheurer Unterschied, da wir an allen Songs zu dritt gearbeitet haben. Das ist schon einmal ein rein produktionstechnischer Unterschied. Allerdings ist es immer schwierig, sich mit früher zu vergleichen. Wenn man sich selbst die Sachen anhört, die man früher gemacht hat, so stellt man immer fest, das man diese heute sowieso anders machen würde. Der gleiche Song von 1994 würde heute ganz anders klingen. Man entwickelt sich auch weiter, und ich denke, man man hat dies schon bei der „Look Back To Go Forward“ gehört,  und das wird man auch beim neuen Album hören. Und dann ist natürlich ein neuer Einfluss dadurch gegeben, dass ein neuer Musiker dabei ist.

Leo:  Auch die Hörgewohnheiten ändern sich mit der Zeit.

Guido:  Es ist einfach eine Entwicklung, und es ist, denke ich, bei jeder Band so, dass du diese hörst. Und es wäre schlimm, wenn du die Entwicklung nicht hättest und man sie nicht hören könnte.

Mike:  Genau.

Guido:  Lieder von früher würden heute sicher ganz anders klingen, klar. Die Ansprüche verändern sich, der Geschmack verändert sich.

neurostyle:  Habt ihr Lust, die alten Songs nochmal neu aufzunehmen? Weil ich glaube, das Problem durch den Tod von dem damaligen Plattenchef, dass es keine Wiederveröffentlichung geben kann, ist doch immer noch vorhanden, oder?

Mike:  Nein, das ist insofern nicht mehr ganz das Problem, weil vertraglich die Rechte an uns zurückgefallen sind.  Wir könnten die alten Alben also re-releasen. Immerhin sind die meisten ja komplett ausverkauft, in einer recht ansehnlichen Auflage. Und für sich selbst freut man sich, wenn man bei Ebay die limitierte Blechbüchse von 1997 für 80 Euro sieht. Das ist schon spaßig. Mit einem Re-Release würde man aber den Leuten, die damals die CDs gekauft haben, vielleicht etwas wegnehmen. Die Überlegung, so eine Best-Of-Sache zu machen, gab es immer mal, aber eigentlich will man immer etwas Neues machen. Ich weiß nicht, vielleicht kommt das irgendwann noch, dass man das Gefühl hat, man müsse das machen. Aber mir zumindest geht es derzeit nicht so, dass ich das Gefühl hätte, wir hätten nicht genug neue Ideen. Wir spielen die alten Sachen gern live, das macht ungeheuren Spaß. Man ist in den Songs natürlich einfach viel mehr drin. Aber es macht auch immer wieder Spaß, was Neues zu machen, was Neues zu spielen.

neurostyle:  Also so wie zum Beispiel auch bei den KRUPPS geschehen – alte Sachen nochmal komplett neu veröffentlichen, teilweise in einer etwas anderen Zusammenstellung oder so etwas, weil wieder etwas ganz was Neues kommt da ist erstmal nichts geplant?

Leo:  Wir hatten ja mal überlegt, ob wir mal eine Vinyl-Edition machen – aber das sind nur Gedankenspiele.

Mike:  Wenn man an den alten Sachen arbeitet, ist irgendwie so ein Signal, das einem nix mehr einfällt. Wir haben einfach noch so viele Ideen und probieren bei dem neuen Album andere Sachen aus. Würde man Altes wieder aufarbeitet, beschränkt man sich so ein bisschen. Vielleicht kommt das noch, aber wie gesagt, zur Zeit ist die Lust groß, neue Sachen zu machen.

neurostyle:  Neue Sachen, neue Sachen ausprobieren… Worauf darf man gefasst sein?

Mike:  Das ist immer sehr schwer zu sagen, weil man dann, glaube ich, so eine Erwartung weckt, die man vielleicht nicht halten kann. Wenn es einer hört, sagt er dann: „Ach naja, da habe ich aber etwas Anderes erwartet.“ Aber ich denke, man hört den neuen Arbeitsstil. Es ist ein sehr, sehr atmosphärisches, druckvolles Album. Wir saßen heute noch mal ganz kurz im Studio und haben so ein paar Sachen durchgehört. Man hat immer einen Song auf dem Album, bei dem man entscheidet ihn noch mit auf das Album zu nehmen. Im Nachhinein denkt man, man hätte noch länger dran arbeiten müssen. Aber das ist bei den neuen Sachen momentan irgendwie völlig anders. Da wirkt keiner wie ein Kandidat, der als Halbprodukt auf das Album kommen wird. Ich wüsste momentan nicht einen Song, den man weglassen sollte. Wir haben auch heute über Live-Sets gesprochen. Wir haben keine Idee, was wir live weglassen werden, weil die einfach alle ungeheuren Spaß machen.

Guido:  Es ist einfach auch ein Produkt dessen, dass wir uns bewusst gesagt haben: Mit dem „neuen“ Bandmitglied nehmen wir uns jetzt mehr Zeit und machen einfach ein Album, das für uns alle rund ist. Wir haben uns keinerlei Druck ausgesetzt. Und das ist bis jetzt für mich eigentlich schon ganz gut umgesetzt. Deswegen können wir auch noch kein konkretes Datum sagen, wann die Scheibe jetzt herauskommt. Aber die Songs, die wir jetzt so in Petto haben, gefallen uns, und ich hoffe, dass sie auch diesen oder jenen der Zuhörerschaft begeistern.

Mike:  (schmunzelnd) Vielleicht auch zwei.

Guido:  Also, für uns soll es rund sein, und das ist der Anspruch dessen, was jetzt neu kommt.

Mike:  Man muss natürlich, wenn jemand neu dabei ist, auch neue Arbeitsweisen finden. Es war sehr vieles einfacher, weil natürlich der Weg von Altenburg nach Leipzig deutlich kürzer ist und wir da unproblematisch hin und her pendeln können. Aber man muss sich erst einmal finden. Leo hat auch eigene Erfahrungen, wie er arbeitet.  Aber das ging alles sehr, sehr schnell. Da war natürlich der Vorteil, dass wir schon zusammen gearbeitet haben. Trotzdem ist das vor allem für mich,  der schon am längsten dabei ist, ein völlig neuer Abschnitt.

Guido:  The Grandfather of DF. (allgemeines Gelächter)

Mike:  Genau. Das ist natürlich  eine völlig spannende Geschichte. In der alten Konstellation hätte ich genau gewusst, wie alles läuft. Das ist jetzt natürlich anders, aber ungeheuer spannend. Das ist auch so ein Stück weit, als hätte man sich neu gegründet. Das Entscheidende allerdings ist, dass man Spaß hat. Letzten Endes ist es bei uns übrigens immer der Anspruch: Wir machen Musik, die uns auch Spaß macht. Ich glaube, auf dem Album haben wir uns nicht irgendwie verbogen, es ist sehr frisch, und… ja… Eigentlich kann man über Musik nicht reden, man muss sie hören. Man kann auf das Album gespannt sein.

Leo:  Wer sich biegen lässt, der bricht.

neurostyle:  Das klingt jetzt so, als ob ihr bei dem Album von der gesamten DIGITAL FACTOR History her am glücklichsten seid. Wenn man vielleicht mal vom ersten absieht, wo man einfach wahnsinnig stolz ist, dass das erste draußen ist. Aber das sind dann andere Gründe, warum man so glücklich und so stolz ist. Aber das klingt jetzt so, als ob ihr diesmal am wenigsten Kompromisse habt machen müssen.

Leo:  Ja, wenn man das erste Album rausbringt das ist etwas Besonderes. Bei mir war das damals auch so, dann ist man einfach nur happy. Wir haben einen Plattenvertrag, und uns gehört die Welt. Da denkt man einfach nur, jetzt ist man Rockstar, irgendwie. Das erste Album ist immer was Spezielles. Es ist das erste Mal, dass man rausgeht und etwas in der Hand hat und sagen kann: He, wir haben da ein Album, wir haben damit was hinterlassen, denke ich mal, oder?

Mike:  Ja, das auf alle Fälle. Auf das erste Album arbeitet man am längsten hin. Aber es ist so, dass man natürlich das jüngste Baby am liebsten hat, wobei man auch immer wieder, wenn man in alte Sachen reinhört, selbst erstaunt ist über das, was man damals gemacht hat. Ich könnte jetzt gar kein Lieblingsalbum sagen. Aber es ist natürlich immer so, dass beim neuesten Album, viel Herzblut drinsteckt und das am frischesten auch im Kopf haftet.

Guido:  Ja, das ist bei jedem Album so. Also, du machst ein Album, bist damit sehr zufrieden und denkst, das ist High-End. Dann spielst du es eine Weile. Letztlich entwickelst du neue Ideen und dann nimmt man wieder ein neues Album auf. Und dann denkt man wieder: Es ist gut, was du hier gemacht hast, und das wird wahrscheinlich immer so weitergehen. Und ich denke, wenn dieser Turnus aufhört, dann solltest du aufhören Mucke zu machen. Dann macht es keinen Spaß mehr. Wenn du anfängst, dich selber zu kopieren, ist das sinnlos.

Leo:   Also, als ich angefangen habe, Musik zu machen mit meiner Band vorher… also, was heißt vorher, die gibt es ja eigentlich immer noch „Y-LUK-O“ da haben wir gesagt: Ok, wir machen das, worauf wir Bock haben, und nichts anderes. Wir verbiegen uns nicht. Und sobald wir keinen Bock mehr drauf haben oder wir uns irgendwie anpassen müssen, wäre das der Punkt, wo wir aufhören. Also ohne Kompromisse das machen, was wir wollen und sich nicht wegen irgendwelchen Marketing- oder irgendwelchen Businessgeschichten verbiegen – der Song verkaufe sich nicht, oder der passt nicht aufs Album oder so ein Kram. Das ist für mich eigentlich das Wichtigste, das man künstlerisch irgendwas abliefert, wo man voll dahinter steht.

neurostyle:  Das ist ja auch gleichzeitig eine Sache bei dir… Du bist ja ziemlich nah am Marketing, sozusagen.

Leo: Ja, aber wenn man so nah am Marketing ist, weiß man natürlich auch, wo da der Zwang ist, oder wo die Knackpunkte sind. Und man weiß trotzdem, wenn man eine Band hat, worauf man sich einlassen kann und worauf nicht. Wir müssen jetzt nicht gucken, dass wir den zwingenden Hit irgendwo haben, dass wir irgendwo in den Clubs angesagt sind und sich im Prinzip nur darauf fokussieren. Man kann sagen: Ok, wir lehnen uns zurück und machen das, worauf wir Bock haben, und wenn was tanzbar ist oder sich gut verkauft, o.k., dann ist es halt so. Aber wir müssen jetzt nicht überlegen: He, das ist jetzt gerade total in, und jetzt machen wir halt Tech-Industrial. Das würde nicht passen

neurostyle:  Dann ist es egal, ob 50 CDs oder 500.000 CDs verkauft werden, Hauptsache das Produkt stimmt?

Leo:  Uns ist es wichtig, dass Musik komponieren, produzieren und live Spielen Spaß machen, und dann ist eigentlich egal, ob da 2000 Leute oder 50 Leute vor einer Bühne stehen. Natürlich sind 2000 Leute wesentlich cooler, klar. Aber manchmal sind es die kleinen Gigs und die kleinen Erlebnisse, die man hat, die einem eigentlich mehr geben als wenn irgendwo eine anonyme Geschichte zwischen Band und Publikum stattfindet.

Mike:  Marketing ist ja zweierlei. Also, wenn man ein Produkt hat, wo eine Band dahinter steht, und es kommt jemand der sagt, er hilft, dass dies auch zu den passenden Hörern kommt, dann ist das positives Marketing. Aber es gibt natürlich auch viele Beispiele, und da sind wir eigentlich sehr schnell auf der Major-Schiene, wo geguckt wird, was am Markt funktionieren könnte. Dann wird Band und Musik dafür zusammen gebastelt. Der Unterschied beim Marketing ist, wann es einsetzt. Das ist halt das Schöne, dass sich in alternativen Musikszenen genau das erhält: ein fixes Produkt, hinter dem eine Band steht. Da braucht man natürlich einen Vermittler, das kann die Band nicht allein. Da ist es gut, dass es so etwas wie Promofabrik gibt, die einem da einfach helfen. Die dann vor allem die Musik selbst auch noch cool finden. Und da sind wir wieder bei dem Thema, was wir mit einem großen Vertrieb hatten, wo das einfach mechanisiert nach bestimmten Strukturen geht und wo das Marketing am liebsten schon im Studio beginnen sollte. Und da ist es eigentlich falsch am Platz, denn dann gibt es keinen künstlerischen Anspruch mehr.

Leo:  Heutzutage ist es ja wirklich so, dass viele Bands wirklich nur noch am Markt platziert werden, weil sie gerade auf einer Welle schwimmen, die sich gut verkauft. Wenn man heutzutage überhaupt noch von Verkaufszahlen sprechen kann. Das ist schon das Problem, was wir auch in den letzten 10 bis 15 Jahren hatten, dass immer nur das, was gerade irgendwo trendy ist, sehr viele Trittbrettfahrer hat und eigentlich so die innovativen Bands ein bisschen hinten runtergefallen sind. Den 50.000. SUICIDE COMMANDO-Klon gab es schon in den 90ern. Mittlerweile ist es eine ganze Welle von austauschbaren, vollkommen belanglosen (Entschuldigung, wenn ich das jetzt so sage) Tech-Industrial-Bands. Wo keine Aussage dahinter steht, wo künstlerisch auch jetzt nicht so wahnsinnig viel passiert und man sich fragt, wer das eigentlich noch will. Aber anscheinend lohnt es sich trotzdem, solche Alben wie Massenware auf den Markt zu werfen.

neurostyle:  Auch wenn die einzelne Band dann nicht unbedingt so erfolgreich ist. Es scheint die Masse zu machen.

Leo:  Ja. Es gibt ja wirklich Labels, die sagen: Ok, ich mache dann halt zehn Bands, die jeweils 50  CDs verkaufen, gehe auf Masse und spare an der Promo. Mitunter trägt auch noch die Band das Risiko, nicht das Label. Was die Label-Arbeit an sich aber auch ad absurdum führt. Das ist schon teilweise schwierig.

neurostyle:  Was haltet ihr z.B., um mal in eine ganz andere Richtung zu gehen, von Sachen wie ALPHAVILLE, die ja nur noch ein Gründungsmitglied drin haben?

Mike:  Vor Kurzem habe ich die neue Single gehört, und für mich war das Ganze 100 Prozent ALPHAVILLE. Die waren immer da, und die haben einfach auch immer gekämpft. Die hatten sicherlich auch mal eine Zeit lang relativ viel Pech, und jetzt viel Glück. Ich finde solche Bands, die sich dabei treu geblieben sind, sich nicht haben verbiegen lassen, nicht die 50. Techno-Version ihrer Hits platziert haben, die haben einen  neuen Erfolg einfach verdient. Ich habe mich da auch so ein bisschen gefreut, als Marian Gold, in ungefähr doppeltem Umfang als damals, ganz glücklich in einer Fernsehsendung auftrat. Also, das finde ich einfach super. Ich glaube, es wird auch wieder immer wichtiger, dass es zwischen all den Casting-Bands auch Bands gibt, die eine lange Entwicklung gemacht haben. Die einfach, wie ALPHAVILLE, in den 80ger Jahren sich hochgearbeitet haben, wahnsinnigen Erfolg hatten. Man merkt an der Reaktion der Leute, dass das gefragt ist. Das ist, glaube ich, auch dieser unbändige Erfolg von DEPECHE MODE. Hier ist für die  Leute einfach nachvollziehbar, wie sich da Musiker entwickelt haben durch alle Höhen und Tiefen gegangen sind. Diese Höhen und Tiefen werden wir von irgendwelchen Casting-Bands nie erleben. Die verschwinden dann halt einfach, und dann wird wieder eine gecastet und dann ist die nächste da…

neurostyle:  Mit der einzigen Ausnahme TAKE THAT.

Mike:  Die waren aber auch gut und vor allem Vollblutmusiker.

Guido:  Ja.

neurostyle:  Kein Widerspruch. Was hälst du von der Entwicklung, dass jetzt  – mal ganz davon abgesehen, dass es LADY GAGA ist, aber dass es die erste Single geschafft hat, Nummer Eins zu sein, ohne eine physikalische Kopie auf dem Markt zu haben, sprich rein als Download?

Mike:  Also grundsätzlich, und da spreche ich jetzt nicht für die kleinen enthusiastischen Labels, wenn ich sehe, wie die CD-Politik bei großen Labels in den letzten Jahren war – die haben es nicht anders verdient. Die Sonys und Universals dieser Welt beschweren sich, dass sie keine CDs mehr verkaufen, haben es aber innerhalb kürzester Zeit geschafft, völlig unabhängig von MP3 und illegalen Downloads, CDs zur Ramschware verkommen zu lassen. Wenn man sich manchmal von einem Top-Act eine CD anguckt, die ist oftmals so lieblos gemacht, dass sie sich kaum noch unterscheidet von der illegal gebrannten CD. Der Mehrwert ist nicht da. Kein DEPECHE MODE Fan käme auf die Idee, sich eine gebrannte CD ins Regal zu stellen, vor allem wenn er diese aufklappen kann und das Booklet ergibt ein Kreuz. Da ist ein tolles Artwork und auch die CD-Hülle gehört zum Gesamtkonzept. Insofern wird die reine Onlinesingle aus meiner Sicht noch viel häufiger passieren, und man muss sich einfach auch dem Markt stellen. Man kann es nicht umkehren, dass es MP3s gibt, und man kann es nicht umkehren, dass es illegale Downloads gibt. Die Rechtslage könnte geändert werden. Da müsste es aber einen Zusammenschluss aller Länder geben, aber danach sieht es nicht aus. Insofern reduziert sich Musik irgendwie wieder dahin, dass man sie im Grunde genommen eher live erlebt, da es keine Haptik für eine elektronische Kopie gibt. Aber die, aus meiner Sicht, großen Player in dem Geschäft haben intensiv mit dran gearbeitet, dass es so kam, und brauchen sich, aus meiner Sicht, nicht darüber zu beschweren. Wenn man überlegt, dass jemand wie MADONNA in einem Jahr 400.000 Euro über Plattenverkäufe verdient und gleichzeitig 400 Mio. über Livekonzerte, dann ist klar, dass die Frau überlegt, warum sie überhaupt noch einen Plattenvertrag unterzeichnen sollte.  Aber die großen Majors gehen die ausgetrampelten Pfade immer weiter und überleben eigentlich nur durch ihre Größe. Man hat sich jahrelang von Mediamarkt oder Saturn im Preis herunter handeln lassen, CDs kostenlos irgendwo mitgegeben und wundert sich jetzt, dass die Leute nichts mehr dafür bezahlen wollen. Schade ist es nur um die vielen innovativen kleinen Labels, die auch unter dieser Entwicklung leiden.

Leo:  Das sieht man ja auch an dem Phänomen, dass einige Labels ja immer wieder extrem hohe Wachstumszahlen haben, was Verkäufe anbelangt. Gerade im Neofolk-Bereich, bei Labels wie Cold Spring und so weiter, die haben gute Wachstumszahlen. Die setzen auf kleine und Kleinstauflagen, die liebevoll verpackt sind und einen wirklichen Mehrwert haben. Wo natürlich die Fans auch sehen: He, das ist jetzt von den Künstlern selber zusammengestelltes Material. Gerade im Neofolk-Bereich ist ja extrem die Bindung zum Produkt vorhanden.

Mike:  Die Metal-Szene ist auch so positiv besetzt. Hier gibt es bei Weitem nicht diese Verlustraten wie im Pop-Bereich. Dort verkauft man nach wie vor Vinyl, verkauft nach wie vor CDs. Und daran sieht man eigentlich, dass die Haptik wichtiger geworden ist. Gerade, wenn ich in Konkurrenz zu einem Medium ohne Haptik stehe, muss sich diese irgendwie hervorheben.

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