JOACHIM WITT – Dom


Joachim Witt - Dom2007 sagte Joachim Witt der Musikbranche „Adieu“. Verständlich, nach dem finanziellen Desaster der in Eigenregie veröffentlichen Werke „Bayreuth 3“ und „Pop“. Beide Alben hatten zwar durchaus ordentliche Verkaufszahlen, aber die Werbekosten waren noch höher. Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Nun, Joachim Witt hat schon immer das gemacht, was er machen wollte. Zum Beispiel nach “ Goldener Reiter“, vielleicht DER Song der noch anspruchsvollen Neuen Deutschen Welle 1981. Joachim Witt legte nicht einfach ein paar Songs in gleicher Machart nach und kassierte viel Kohle, sondern entwickelte seine Musik weiter. Heute würde man seinen damaligen Stil sehr mit DAF vergleichen. Und genauso versuchte Joachim Witt, sich nach „Bayreuth 2“ weiter zu entwickeln, aber SONY versuchte ihm künstlerische Vorschriften zu machen. Sprich: Sie wollten seine Musik massentauglicher machen. 99% aller Künstler würden das wohl auch mitmachen, schließlich gabs damals von einem Major-Label noch richtig fett Kohle. Und obwohl die selbstproduzierten Alben in den Top 40 der deutschen Charts landen konnten, verlor Joachim Witt richtig viel Geld. Er hat immer für seine künstlerische Freiheit gekämpft und ist immer seinen Weg gegangen. Und oft war seine aktuelle Vorstellung von Musik eben nicht gerade massenkompatibel.

Oft in der Form, dass er seiner Zeit einfach voraus war. Kleines Beispiel: Die Musik zu „Goldener Reiter“ entstand schon um 1974 herum, als Joachim Witt unter dem Pseudonym Julian seine erste Single „Ich bin ein Mann“ veröffentlichte. Und was sich vom Titel her nach typischem 70er Jahre Schnulli-Schlager anhört, war eine bitterböse Abrechnung mit Machotum und festgefahrenen Rollenverhältnissen. Wie gesagt, er war einfach verdammt oft seiner Zeit voraus. Und kritisch schon immer.

Und jetzt liegt DOM in meinem CD-Player und ich weiß nicht, was ich sagen soll: 35 Jahre nach der ersten Langspielplatte, damals noch als Mitglied von Duesenberg (die 1980 einen Deutschen Schallplattenpreis für ihr 3tes Album erhielten), nach seinen 2 genialen Nummer 2 Hits „Goldener Reiter“ und „Die Flut“ mit Peter Heppner, 6 Jahre nach dem extrem politischen Album „Bayreuth 3“ meldet sich Joachim Witt zurück.

Bombastisch, orchestral, gewaltig und wuchtig wie nie. Und wieder nicht so ganz massenkompatibel. Und doch voller Hitpotential. Das sieht man zum Beispiel schon daran, dass der 2te Song auf DOM „Jetzt Geh“ beim ZDF als Olympia-Song zur Debatte stand. Bekannterweise wurde dann von dem Zweiten Deutschen Fernsehen der Engländer Taio Cruz bevorzugt. Meiner Meinung nach wäre Witt die bessere Wahl gewesen. Und mit dem Medien-Push hätte er wohl auch endlich und verdientermaßen mal Platz 1 in den Charts erreicht.

So aber muss er sich selber durchschlagen, ohne großes TV-Tam-Tam. Aber wenigstens SONY hat ihren schweren Fehler eingesehen und Joachim Witt wieder zurückgeholt. Und so schaut dann auch „Dom“ wieder nach hohen Werbekosten aus. Auch wenn man sich das aufwendig produzierte Video zur ersten Single-Auskopplung „Gloria“ anschaut – was ihr natürlich weiter unten im Text auch machen könnt.

Jetzt aber endlich zu den Songs auf „Dom“

Los geht es gleich mit der schon angesprochenen Single „Gloria“. Und die zeigt ganz genau auf, wohin dieses Album geht. Nicht zur NDH wie auf „Bayreuth 1“, sondern orchestral und melancholisch, wie man Witt noch nie hörte – und doch hört es sich nach Witt an. Wir dürfen eine ganz neue und dennoch vertraute Seite von Joachim Witt kennen lernen. Und Textzeilen wie: „Ich seh‘ dich ständig vor mir und ich weiß, dass es vorüber ist. Ich trag‘ dein Bild noch bei mir, doch die ganze Welt verändert sich“ zeigen auch, dass DOM weniger ein politisches denn ein menschliches Album geworden ist. Joachim Witt ist nicht mehr der Zyniker wie in früheren Tagen, es dominiert Schmerz und Melancholie.

Beispielhaft und in meinem Augen ganz besonders gelungen zeigt dies auch das 8te Stück auf der CD: „Komm nie wieder zurück“. Schwermütiger, nicht zu spärlich instrumentalisierter Pop, der teilweise sogar ein bisschen vor sich hinplätschert, dubioserweise aber niemals oberflächlich wirkt. Und dazu Textzeilen wie „So renn‘ ich täglich mir die Seele aus dem Leib und schwitze dich aus. Alle Fenster weit geöffnet, wochenlang, so dass dein Duft jede Haftung verliert„. Das ist eine textliche Qualität, wie sie kaum jemand im Pop-Bereich erreicht.

Der schon angesprochene Song „Jetzt Geh“, Nummer 2 auf „Dom“, präsentiert sich etwas popiger – im positivsten Sinne des Wortes. „Du kannst sie schon hören, durch den Nebel tobt ein Sturm im Fahnenmeer. Es ist nur noch ein Schritt, bevor du aus dem Schatten trittst, und eine Flut aus Licht erhebt die Nacht zum Tag„, ja, diese Zeilen hätten einem Olympia-Song gut gestanden. Und irgendwie klingt der Song nach einer Single. Mich würde es wenigstens nicht wundern, wenn „Jetzt Geh“ die 2te Auskopplung werden würde.

Als nächstes kommt „Tränen“ dran. Dieses Lied ähnelt auch dem Song #10 „Untergehn“. Deutlich sparsamer instrumentalisiert als die restlichen Songs des Albums. Textlich aber mit deutlichen Unterschieden. Heißt es in „Tränen“ noch „Nimm meine Tränen und geh„, so lautet in „Untergehn“ die Botschaft: „Wir werden untergehen, um wieder aufzustehen„. Und wenn Michelle Leonard mit ihrer unverkennbaren Stimme dann „Die Hoffnung stirbt zuletzt, halt an der Liebe fest“ singt, klingt das im geschriebenen Text zwar wahnsinnig kitschig und doof – im Song jedoch gar nicht. Joachim Witt schafft es, den schmalen Grat zwischen Kunst und Kitsch nicht zu übertreten. Was des Öfteren aber auch nur an seiner ureigenen Art und Weise der Interpretation liegt.

Herzschmerz gehört zum Leben dazu, und wenn Witt darüber sinniert und singt, dann malt er Gefühle mit einem ausladenden und dennoch feinen Pinsel auf die große Klangleinwand, die ihm irgendwie dennoch etwas zu klein ist.

Und dann kommt auf einmal ein Tango. „Leichtsinn“ nennt er sich. Akkordeongetrieben, mit fast schon opernhaftem Refrain und einem Upbeat, der einen fast auf die Tanzfläche zwingt, irgendwie.

Ich glaube, ich könnte noch seitenlang über „Dom“ schreiben, aber das macht keinen Sinn. Denn Eines ist klar: Joachim Witt wird wieder polarisieren. Die Einen werden „Dom“ als Pomp, als Schmalz, als musikalischen Glööckler abtun. Diese Leute werden das Album allerdings mit Sicherheit auch nur einmal unaufmerksam im Auto gehört haben. Ich bin davon überzeugt, dass jeder, der sich auf dieses Album einlässt, es 2-3 mal in Ruhe anhört, sich verdammt schwer tun wird zu sagen, welcher Song jetzt besonders gut oder besonders schlecht wäre. „Dom“ ist wahrhaftig ein Kunstwerk geworden, oberflächlich betrachtet zu leicht verdaulich, aber wenn man es sich dann richtig einverleibt, merkt man mehr und mehr, wie gewaltig und wunderschön dieser Dom wirklich geworden ist.

Joachim Witt ist wortgewaltig und pathetisch. Und er ist nicht peinlich. Er ist nicht der intellektuelle Graf, wie es anderswo stand. Es besteht keinerlei Verwechslungsgefahr mit Unheilig, das einzig Gemeinsame ist die deutsche Sprache. „Dom“ in seiner Gesamtheit ist einzigartig. Genauso wie Joachim Witt einzigartig ist. Und das ist gut so.

Von mir gibts für dieses Kunstwerk 9,9 Punkte von 10. Und die 0,1 Punkte bekommt „Dom“ nicht, weil für mich das Album mit guten 47 Minuten Spielzeit zu kurz ist, ich hätte mir einfach mehr gewünscht. Und wenn es nur der titelgebende Song auch auf die normale CD geschafft hätte, aber das Lied „Dom“ ist leider nur auf der Special-Edition dabei.

 

Joachim Witt – Dom

9,9 von 10 Punkten

Tracklist:
1. Joachim Witt – Gloria (5:21)
2. Joachim Witt – Jetzt Geh (4:43)
3. Joachim Witt – Tränen (4:31)
4. Joachim Witt – Blut (4:05)
5. Joachim Witt – Königreich (4:07)
6. Joachim Witt – Beben (4:29)
7. Joachim Witt – Licht Im Ozean (4:02)
8. Joachim Witt – Komm nie wieder zurück (5:36)
9. Joachim Witt – Leichtsinn (4:55)
10. Joachim Witt – Untergehen (5:29)


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