SCHNEEWITTCHEN – Keine Sekunde Schweigen


SCHNEEWITTCHEN - Keine Sekunde Leiser - CoverWenn man das aktuelle Werk „Keine Sekunde Schweigen“ von Marianne Iser und Thomas Duda mit dem fast 4 Jahre alten Vorgänger „Perlen Vor Die Säue“ vergleicht, fällt einem in jedem Bereich auf, dass SCHNEEWITTCHEN gefälliger, aber beileibe nicht gefällig geworden sind. Vielleicht liegt es daran, dass Schneewittchen jetzt bei einem Major-Label sind, vielleicht aber auch daran, dass die 2 einfach etwas älter und etwas, aber wirklich nur etwas, ruhiger geworden sind. Unterm Strich ist es dennoch ein Schneewittchen-Album.

Und eines ist auch ganz klar: Schneewittchen waren und sind etwas ganz Besonderes in der deutschen Musikszene. Aber mit dem aktuellen Album müssen sie sich auch mehr Vergleiche gefallen lassen, da sie hier und da dann doch auch an andere Musiker erinnern.

Am Anfang der Albums dominiert noch die schräge Seite von Marianne und Thomas, besonders Songs wie „Keine Sekunde Schweigen“ oder „Fürchte dich nicht“ sind dafür sehr gute Beispiele. Im Laufe des Album aber wird man dann etwas leiser, ruhiger. Songs wie „Zwischen Bauchnabel und Brust“ oder das extrem kitschige „Wunderbar“ klingen einfach viel gefälliger, als man es eigentlich von Schneewittchen gewöhnt ist. Mariannes dominante Stimme erinnert hier doch ziemlich stark an AnNa R. von Rosenstolz. Dass sie auch ganz anders kann, hat sie in den ersten Stücken der CD deutlich bewiesen. Aber insgesamt ist „Keine Sekunde Schweigen“ weniger schrill, weniger dramatisch und weniger laut. Dafür kitschiger, poetischer und melancholischer. Und vor allem: ausgereifter. Klangen früher der eine oder andere Song doch sehr nach Demo-Fassung, haben die 2 jetzt ein durchaus gut produziertes Album vorgelegt.

Von Gothic bis Punk, von Schlager bis Chanson – alles ist im von Synthieklängen, Pianos, Streichern und Flügelhorn dominierten Klanggebilde vorhanden. Und über allem trohnend: Mariannes außergewöhnliche Stimme, die selten so gut zur Geltung kam.

Und dann dürfen eingefleischte Fans auch noch richtig staunen: Mit dem Song „Töte mich“ präsentieren sich Schneewittchen so eingängig, so schwungvoll wie noch nie. Man darf eine komplett neue, so noch nie gekannte Seite an Schneewittchen kennen lernen.

Beim ersten, flüchtigen Hören des Albums hab‘ ich gedacht: „Sch…, sind die kommerziell geworden.“ Aber das sind sie nicht, auch wenn der eine oder andere Song vielleicht im „normalen“ Radio laufen könnte. Es sind immer noch die begnadeten Schneewittchen, die man liebt oder hasst – die nur nach dem Album vielleicht ein paar Leute weniger hassen. Aber anspruchsvoll – an sich selbst und an den geneigten Hörer – das sind sie immer noch. Nur nicht mehr durchgehend extrem anstrengend.

Hier entwickelt sich eine Band weiter, ohne die Wurzeln zu leugnen oder abzustreifen. Hier lässt ein großes, kommerzielles Label (Sony) Sachen zu, das wäre vor wenigen Jahren einfach nicht gegangen. Denn glattgebügelt ist was anderes.

Für mich ist „Der Ring An Deinem Finger“ der beste Song. Ruhiger, irgendwo zwischen Schmalz-Schlager und chansonartigem Anfang entwickelt er sich konsequent zu einem Song, der sich nach frühem Punk anhört. Nach ein paarmal Anhören einfach nur genial. Und genau so eine Songentwicklung zeigt auch, dass es eben nicht nur Mariannes Stimme ist, von der die 2 Hannoveraner leben.

In meinen Augen ist „Keine Sekunde Schweigen“ das mit Abstand beste, wenn auch nicht außergewöhnlichste, Schneewittchen Album. Jeder, der deutsche Texte, Emotionen und theatralische Musik mag, sollte unbedingt reinhören. Und wenn es geht, nicht in den 20 Sekunden Ausschnitt online, sondern im Laden, die komplette CD.

Von mir eine 8.5 von max. 10 Punkten. Luft nach oben ist definitiv noch, hier und da wünschte ich es mir auch wieder ein kleines bisschen schräger – aber als Gesamtkunstwerk das Beste von Schneewittchen, was bislang käuflich erwerbbar ist.

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